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  • Reisebericht Turkmenistan

    Dieser Bericht stammt noch von unserer alten Blogseite. Da er immer gerne gelesen wurde, wäre es schade, ihn hier nicht zu veröffentlichen. Quasi als „Erstblog“.

    Reisebericht von Klemens Brysch, Oktober 2011

    Fünf Stelzenläufer von foolpool, Otto Dacapo und Williams Entertainment zum gemeinsamen Gastspiel in Turkmenistan:

    Unverhofft kommt oft
    oder
    Ein artistisches Tet a Tet im Operettenstaat Turkmenistan

    Um es gleich auf den Punkt zu bringen, sollte Ihnen liebe Leserin, lieber Leser der Staat Turkmenistan kein Begriff sein, ist dies primär nicht von Bedeutung. Gehören Sie aber der noch großen Gruppe von ArtistInnen an, die in der sowjetisch besetzen Zone ihre Ausbildung zum Zirkusgenossen genossen haben, ist Ihnen aus dem Staatskundeunterricht geläufig, dass es sich bei Turkmenistan um die südlichste aller Sowjetrepubliken gehandelt hat. Damals wie heute gelegen am Ostufer des Kaspischen Meeres flankiert von Usbekistan und Kasachstan im Norden und Iran und Afghanistan im Süden. Anders als damals – und das mag nun auch dem Staatkunde kundigen unkundig sein – hat sich Turkmenistan nach der Auflösung der UdSSR für unabhängig und – wesentlich  auch für politisch neutral erklärt. Quasi Schweiz im Zentrum der von politischen Unruhen gebeutelten Nachbarstaaten.

    Erfreulich, denn keine Nachrichten von etwas bedeutet auch keine schlechten Nachrichten.

    Donnerstag Nachmittag, es regnet, Herbst in der Schweiz (diesmal der echten), das Telefon läutet, Max Auerbach, Performer und Businesskoordinator der Künstlergruppe foolpool aus München am Apparat: Ob ich Zeit hätte, kurzfristig, ein Stelzenauftritt, nichts Außergewöhnliches, 5 Clowns mit langen Beinen, in der Türkei? – Klar, warum nicht. Wenn es dort keine eigenen gibt, fliege ich gern um die halbe Welt, um dort den Popanz zu machen, zumal die Sache gut bezahlt sei. Erstaunen allerdings, als Max Auerbach für die Einreise eine Kopie des Reisepasses per Fax fordert, fürs Visum. Mich wundert’s, da man normalerweise mit dem Perso in die Türkei kommt, aber vielleicht wegen des Arbeitsbewilligung mutmaßen wie am Telefon.

    Was wie ein Bastei-Lübbe-Groschenkrimi im Herbstlichen Westeuropa beginnt, sollte sich auch als solcher im Karl Mayschen Wüstendrama bewahrheiten.

    Freitag, Vormittags, das Telefon, Max am Apparat, der Auftritt – nein nicht abgesagt – das wäre die leider naheliegende Vermutung gewesen – sondern, es ist nicht Türkei, es ist Turkmenistan, macht dir das was aus und es ist nicht ab Montag sondern schon ab Sonntag, also überübermorgen.

    Turkmenistan – nie gehört, aber es klingt ungemein vertraut. Abenteuerlich. Spannend. Nach fernen Ländern, Dattelpalmen und Abenteuer. Ein Grund warum man den Beruf des Freiberuflers macht, denn wann kommt Otto Normal schon nach … wie hieß das gleich noch mal?

    Samstag, endlich alles geklärt, Abreise doch wieder auf Montag verschoben, aber wenigsten das Ziel blieb. Auf nach Turkmenistan.

    Teil eins der Reise: Basel München – Schienenbus der Deutschen Bundesbahn. Gemütliches Zockeln, aber wer wie ich diese Strecke öfters fährt, weiß, dass es 1 Stunde und 8 Minuten nach Abfahrt Basel Badischer Bahnhof den Kopf heben und in Fahrtrichtung rechts aus dem Seitenfenster sehen muss, um einen 4 sekündigen Blick auf den Rheinfall zu erhaschen. Ein imposanter Anblick der für nahezu 4 Stunden gemütliches Bundesbahn-Gezockel entlohnt.

    Teil 2 der Reise München Istanbul, leichte Schwierigkeiten mit der Fluggesellschaft, weil Stelzen kein anerkanntes bzw. gelistetes Sportgerät sind – zumindest auf dem Hinflug kostet das 300 Euro extra. Also vor dem einchecken Geld abheben und in Dollar tauschen, denn wir wollen die Stelzen ja auch wieder heim nehmen.

    3. Teil der Reise: Istanbul Ashkabath – Hauptstadt Turkmenistans, bei uns bald zu Askaban gewandelt, schneller und leichter zu sprechen und – wie sich bald heraus stellen sollte – zutreffend. Nur so schnell kommt man da nicht hin. 11 Stunden Aufenthalt unter den wachen Kameras am Flughafen. Was macht der international Reisende in der Kleingruppe – richtig er spielt Schafkopf, jenes bayerische Traditionsspiel, das so manchen Fahrschüler um sein gesamtes Taschengeld gebracht hat. Da unsere Illustre Gruppe neben 3 waschechten Bayern auch einen Schwaben und einen Amerikaner umfasst, ist vor dem erbaulichen Spiel erstmal pädagogische Spielrunde angesagt. Aber in 11 Stunden lernt man eben nicht nur Schafkopf, nein Robbie Williams von Williams Entertainment aus München revanchiert sich mit Texas Holding.

    Teil 3 der Reise 2. Teil. Endlich Check In, die Maschine ist aufgerufen, wir sind als erste am Gate … nur ohne Visum läuft nichts. Die sollten doch von einem Mitarbeiter Firma aus Istanbul gebracht werden – richtig – nur von diesem keine Spur. Erst auf die letzte Sekunde  kommt eine dunkelhaarige Dame und gibt sich als unsere Begleiterin zu erkennen. Ihre Anweisung: Weicht mir nicht von der Seite. Sprach’s und ward nicht mehr gesehen. Ich lüge, denn bei Teil 4 und 5 der Reise, ankommen in Turkmenistan, dem Visum-Procedere und den Nachforschungen nach dem einen verschwundenen Paar Stelzen war sie noch zugegen, doch dann, im Hotel am Flughafen eingecheckt war die Dame verschwunden. Auch telefonisch nicht zu erreichen, weder über Festnetz, noch über das streng reglementiert und kontrollierte Mobilfunknetz.

    Aber was machen 5 gutgläubige andersartige Artisten: Sie sitzen im Hotel, warten auf nicht kommende Anweisungen, bestellen die exotischsten Gerichte von der Speisekarte und spielen Schafkopf.

    Inzwischen ist Mittwoch. der Tag des Auftritts, immer noch keine Hinweise zu unserem Auftritt. Wir werden unruhig. Doch Schafkopf ist ein gutes Mittel gegen Nervosität und endlich der Anruf: Your show is cancelled. Sicherheitsrisiko – so die offizielle Erklärung. Für uns oder wir für den Präsidenten. Wussten Sie, das Turkmenistan eine Demokratie ist, dass es aber nur eine Partei gibt und dass die Gründer anderer Parteien sehr schnell verschwinden? Wir wussten nicht was wir taten, doch nach dem „Your show is cancelled“ war uns die Weisung im Hotel zu bleiben schnuppe und nachdem wir unsere eigene kleine Stelzenparade rings ums Hotel gemacht hatten, ging’s zu Fuß und dem öffentlichen Nahverkehr in die verbotene Stadt. Als Touristen waren wir die Attraktion in Ashkabar, zumal wir uns prompt dorthin verliefen, was auf der Liste von Örtlichkeiten steht, die der Herr Präsident ausländischen Besuchern gerne vorenthält. Mit Sicherheit sind wir jetzt in irgendwelchen Listen des dortigen Geheimdienstes und mit Sicherheit führt unser Wissensdrang nach fernen Kulturen dazu, dass sich die paranoide Sicherheitsmaschinerie des Herrn Präsidenten bestätigt fühlt, ja die sind ein Sicherheitsrisiko – aber was soll’s – Schafkopfen können wir auch zuhause.

    Klemens Brysch
    Filmemacher, Performer
    www.mobilemedienmanufaktur.de
    klemens@foolpool.de